Die Geschichte Ruandas

Vorkolonialzeit

bis zum 15. Jahrhundert: Es ist bis heute recht schwierig, die Geschichte des Gebietes um das heutige Ruanda zu rekonstruieren. So gibt es keine schriftlichen Zeugnisse und Aufzeichnungen der mündlichen Überlieferungen sind in ihrer Interpretation oft persönlich gefärbt. Fest steht, dass das Gebiet durch unterschiedliche Gruppen und in unterschiedlichen Wellen besiedelt worden ist, und nach und nach eine gemeinsame Kultur und eine gemeinsame Sprache, das Kinyarwanda, entstehen. Allmählich bilden sich die Begriffe „Hutu“, „Tutsi“ und „Twa“ – sie gehen auf soziale und familiäre Unterscheidungen zurück und bezeichnen damit unterschiedliche Stände. Im Zentrum der sozialen und ökonomischen Organisation in der vorkolonialen Zeit steht die Familie (inzu = Haus) mit patrilinearer Abstammung. Die Familie ist Teil einer größeren sozialen Einheit, der Lineage (umuryango). Diese können wiederum Clans (ubwooko) bilden. Über all dem entwickeln sich Königreiche. Allerdings ist das System in sich durchlässig: Es kann eingeheiratet werden und durch soziale Schichtung voneinander getrennte Lineages können einem Clan angehören. Je nach wirtschaftlicher Entwicklung ist es demnach möglich sozial auf- oder abzusteigen.

 15. bis 17. Jahrhundert: Das Banyiginya-Königreich setzt sich in Zentral-, Süd- und Ostruanda gegen andere Königreiche durch und vergrößert sich dadurch stark. So werden vor allem die von Bantuvölkern regierten Gebiete in Zentralruanda eingenommen. In diesem Königreich führen die Tutsi die Gerichtsbarkeit aus, und der König bekommt religiöse Funktionen, womit eine Sakralisierung der Königtümer einhergeht. Als großer Einiger der Nation wird König Ndori Ruganzu bezeichnet, der Zentralruanda im 16. Jahrhundert vereinigt.

18. Jahrhundert: König Cyilima Rujugira baut das Militär weiter aus, errichtet gesicherte Grenzen und wehrt damit erfolgreich verschiedene angreifende Nachbarn, vor allem aus Burundi, ab. König Yuhi Gahindiro führt verschiedene Reformen durch, unter anderem setzt er in jedem Distrikt zwei Verwalter ein. Im Norden leisten nach wie vor Königtümer Widerstand gegen den zentralen Königshof.

Kolonialzeit und Unabhängigkeit

1890er: Als die Deutschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Ruanda eintreffen, befindet sich das Land in einem großen Inneren Konflikt. Der gewalttätige König Kigeri Rwabugiri wird 1895 in einer offenen Revolte gestürzt. König Musinga kann sich als dessen Nachfolger durchsetzen, doch fehlt es ihm an der Unterstützung von Teilen der Lineages.

1899: Ruanda wird offiziell Teil der Kolonie Ostafrikas des Deutschen Reiches. Die Autonomie der Ruander bleibt weitestgehend erhalten, auch müssen sie keine Abgaben zahlen. Allerdings sollen sie den deutschen Kaiser als höchsten Herrscher anerkennen. Im Gegenzug erhält König Musinga, der von einer Tutsi-Dynastie gestellt wird, bei der Durchsetzung seines Machtanspruches militärische Unterstützung durch die deutsche Militärverwaltung, wodurch zum ersten Mal von außen in einen innerruandischen Konflikt eingegriffen wird.

1916: Belgien und Großbritannien greifen den ruandisch-burundischen Teil von Deutsch-Ostafrika an und können es durch eine den Deutschen zahlenmäßig weit überlegene Truppe innerhalb von sechs Wochen einnehmen.

1923: Belgien bekommt das ruandisch-burundische Gebiet als Verwaltungsmandat des Völkerbundes zugesprochen. Trotz vieler Auflagen durch den Völkerbund üben die Belgier direktere Kontrolle aus als Deutschland. Anfänglich praktizieren sie zwar noch die indirekte Regierung mit dem bestehenden Königreich, schwächen aber durch mehrere Verwaltungsreformen die Macht des Königs, indem sie vor allem die Religionsfreiheit einführen und die Säkularisierung des Königs vorantreiben. In der Konsequenz verheerend ist die Einführung von Personalausweisen, in denen die Ruander nach Ethnien (Hutu, Tutsi, Twa) klassifiziert werden. Das bis dahin durchlässige Schichtensystem wird so unverrückbar festgelegt. Gleichzeitig werden die Tutsi besonders in der höheren Ausbildung gefördert und finden so Anstellungen in der belgischen Kolonialverwaltung.

1957: In gebildeteren Hutu-Kreisen entsteht eine Emanzipationsbewegung, die schließlich das sogenannte „Bahutu-Manifest“ veröffentlicht, in dem die Freiheit von den Belgiern, aber auch die Abkehr von der Monarchie gefordert wird. Es entstehen verschiedene Parteien, unter anderem Parmehutu, eine demokratische Bauernpartei.

1959: Es kommt zu einem Aufstand, auch „Wind of Destruction“ genannt, ausgelöst durch das Gerücht, ein Politiker der Hutu sei von Tutsi umgebracht worden. Die Revolution bringt zwei Wochen Gewalt im ganzen Land mit sich, fordert 20.000 Tote und lässt viele Tutsi in einer ersten großen Bewegung flüchten. Die Belgier schlagen den Aufstand nieder.

1961/1962: Im September 1961 gibt es die ersten legislativen Wahlen und eine Abstimmung über die Monarchie. 80 Prozent der Wahlberechtigten stimmen gegen eine Monarchie, 77 Prozent sind für die Parmehutu. Am 1. Juli 1962 wird Ruanda unabhängig.

1964/1965: Die Hutu rächen sich im Winter 1964/1965 mit Massakern an den Tutsi, die in den vergangenen Jahren immer wieder Ruanda aus den Nachbarländern, vor allem aus Burundi, angegriffen haben. Es kommen ungefähr 14.000 Tutsi um, über 300.000 fliehen in einer zweiten großen Welle.

Bürgerkrieg und Genozid

1987: Nachkommen der in den 1950er- und 1960er- Jahren aus Ruanda geflüchteten Tutsi, die in der ugandischen Armee unter dem ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni dienen und mit ihm den vormaligen Präsidenten Ugandas Milton Obote gestürzt haben, gründen die Front Patriotique Rwandais (FPR). Ihr gehören auch oppositionelle Hutu an.

1990: Am 1. Oktober überqueren ungefähr 5.000 Rebellen, Angehörige der FPR, die Grenze Ugandas zu Ruanda mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen und damit die Rückkehr von ruandischen Flüchtlinge zu erzwingen. Die ruandische Regierung weigert sich aus Angst vor Verteilungsfragen, Landkonflikten und inneren Machtauseinandersetzungen kategorisch, Flüchtlinge wiederaufzunehmen. Der ruandischen Armee gelingt es schließlich mithilfe einer französischen Eingreiftruppe, die Rebellen zurückzudrängen. Bei dem Angriff fällt der FPR-Kommandant Fred Rwigyema. Er wird durch Paul Kagame ersetzt, dem es gelingt, Teile des Nordens dauerhaft zu besetzen. Der nun einsetzende Bürgerkrieg hat schwere wirtschaftliche Probleme zur Folge. Es entstehen erste große Flüchtlingslager um Kigali und im Akagerapark.

1993: Nach langwierigen Verhandlungen zwischen der Übergangsregierung und der FPR kommt es am 4. August zur Unterzeichnung eines Friedensabkommens.

6. April 1994: Der ruandische Präsident Juvénal Habyarimana und der burundische Präsident Cyprien Ntaryamira sowie weitere Regierungsmitglieder kommen durch einen Flugzeugabsturz, ausgelöst durch einen Raketenangriff, nahe der Hauptstadt Kigali ums Leben. Man geht heute davon aus, dass radikale Hutu für den Abschuss verantwortlich sind.

April-Juli 1994: In den hundert Tagen, die auf den 6. April folgen, werden Schätzungen zufolge zwischen 800.000 und einer Million Menschen, vor allem Tutsi, aber auch gemäßigte Hutu und ungefähr 10.000 Twa, die als Sympathisanten der Tutsi gesehen werden, ermordet. Einige Menschen, vor allem Politiker, werden gezielt von der Präsidentengarde und der Interahamwe (einer paramilitärischen Hutu Gruppierung) umgebracht. Die Bereitschaft zur Gewalt breitet sich auf die Zivilbevölkerung aus, angestachelt durch den Radiosender Radio Télévision Libre des Milles Collines (RTLM). Das Morden in Ruanda wird zu einem Morden unter Nachbarn, Freunden und Familien – selbst Verwandte und Angehörige werden nicht verschont. Es kommt zu einer ersten große Massenflucht der Bevölkerung in den Kongo und nach Tansania.

1994: Die FPR erklärt am 17. Juli den Bürgerkrieg für beendet, nachdem sie Kigali und Gisenyi erobert hat. Die Mitglieder der Interahamwe und viele weitere Täter fliehen vor allem in das ehemalige Zaire. Nach Beendigung der Kriegshandlungen zeigt sich, das ganze Ausmaß der Verwüstung. Eine funktionierende Infrastruktur, die Wirtschaft und vor allem auch eine öffentliche Verwaltung müssen komplett neu aufgebaut werden. Tausende von flüchtigen Menschen irren im Land umher. Es kommt zu einer zweiten Massenflucht von bis zu 2 Millionen Ruandern in den Kongo und nach Tansania.

Das ruandische Parlament wird gebildet. Präsident wird Pasteur Bizimungu – ein Hutu. Vizepräsident und Verteidigungsminister wird Paul Kagame, oberster Befehlshaber der FPR. Eine Übergangsverfassung wird auf Grundlage der Verfassung von 1991 sowie des Arusha-Vertrags von 1993 erarbeitet.

Neuanfang in Ruanda

Seit 2000: Nach Spannungen zwischen Präsident Bizimungu und seinem Stellvertreter Paul Kagame wird Kagame zum neuen Präsidenten in Ruanda. Mit der Übernahme des Präsidentenamtes durch Paul Kagame werden Regierung und öffentliche Verwaltung zunehmend autoritär geführt. Oppositionelle Gruppen und Parteien sehen sich zunehmender Unterdrückung ausgesetzt. Für einen nationalen gesellschaftlichen Neubeginn wird die Verwendung der Begriffe Hutu und Tutsi verboten und sie werden von den Ausweisen entfernt. Zugleich wird der Straftatbestand des Divisionismus eingeführt. Somit wird unter Strafe gestellt, wer in ethnischen Kategorien öffentlich spricht und politisch agiert. Der Paragraph ist umstritten, da er nicht genau definiert, was ethnisches Gedankengut umfasst. In der „Vision 2020“, werden die konkreten Ziele Ruandas für die nächsten 20 Jahre festgelegt. Das landwirtschaftlich geprägte Land soll zunehmend eine Dienstleistungsgesellschaft werden und die Bevölkerung im Durchschnitt über ein mittleres Einkommen verfügen. Die „Vision 2020“ wird Grundlage der neuen Regierung. Alle zugelassenen Parteien sehen die „Vision 2020“ als für sie verbindlich an.

Text: Friederike Vigeland, aus: Auf dem Weg- Lebenslinien der Partnerschaft Rheinland-Pfalz/Ruanda (gekürzte Fassung).