Kultur

Was macht heute ruandische Kultur aus? Die letzten hundert Jahre haben den bisherigen ruandischen Kulturraum tiefgreifend verändert. Durch das Auftauchen der Europäer Ende des 19. Jahrhunderts im Gebiet des heutigen Ruandas wurde die ruandische Gesellschaft mit einer gänzlich anderen Kultur konfrontiert. Hinzu kamen und kommen in diesen letzen hundert Jahren bis heute Migrationsbewegungen, ausgelöst durch kriegerische Handlungen und Vertreibungen, die kulturelle Identitätsfragen aufwerfen. Was macht eigentlich ruandische Kultur heute aus?

Kultur umfasst die Art und Weise wie Menschen ihre Umwelt gestalten, wie sie mit ihr in einer Beziehung stehen und mit welchen Werten sie ihr tägliches Leben gemeinschaftlich organisieren und ausschmücken. Ob kulturelle Räume eher offen oder abweisend gestaltet sind, hängt neben der Topographie von Landschaft auch mit deren geostrategischer Lage zusammen.

Das Gebiet des heutigen Ruandas galt eher als abgeschlossen, bei den Griechen nannte man es das mysteriöse Gebiet der Mondberge, wo Himmel und Erde sich begegnen. Handelsrouten, wie die großen West-Ost-Achsen der Sklavenkarawanen an den Pazifik, gingen im Norden und im Süden an Ruanda vorbei. Bis zur Ankunft der ersten Weißen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war diese Region in Europa fast gänzlich unbekannt.

Die Sprache Kinyarwanda gilt als die Grundlage einer ruandischen Kultur. Mitte des 19. Jahrhunderts beherrschte ein ruandisches Königshaus ungefähr das Gebiet des heutigen Ruandas, dem allerdings durch das Einziehen von kolonialen Grenzen kulturelle, von ruandischen Werten geprägte Räume verloren gingen. Die Sprache Kinyarwanda war das bindende Glied. Trotz eines zentralen Königshauses gab es in diesem ruandischen Raum auch von diesem unabhängige Höfe, wie im Norden, im Südosten und Südwesten, mit teilweise unterschiedlicher kultureller und künstlerischer Vielfalt.

Doch zum Beispiel Techniken des Landbaus, zu Herstellung von metallischen Gegenständen, Techniken der Korbflechterei und des Hüttenbaus, das feinsinnige Reden in Sprichwörtern und Bildern, Religions- und Gotteskult wie Tanz und Gesang waren sich sehr ähnlich, wenn nicht gleich. Auch die gesellschaftliche und soziale Ordnung wie zum beispiel Heirats- und Erbfolgeregelungen basierten auf gleichen Werten und Vorstellungen.

Dieses innere kulturelle System erfuhr spätestens mit der Etablierung der belgischen Kolonialverwaltung in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts und der massiven Christianisierung durch die "Weißen Väter" eine tiefgreifende Veränderung, die bis heute anhält. Hinzu kam der beginnende Warenaustausch mit den benachbarten Ländern, das Auftauchen von Händlern aus anderen Erdteilen, wie zum Beispiel den Griechen, Indern und Arabern. Sichtbarste Veränderungen waren und sind veränderte Kleidung, neue Essgewohnheiten, der Hausbau, aber auch - durch den Zugang zu allgemeiner europäisch geprägter Bildung - Veränderung von Normen und Verhaltensweisen, die zum Beispiel gesellschaftliche Hierarchien, die Stellung der Frau, Heiratsregelungen, die Hygiene und vieles mehr betreffen.

Eine politisch aufgeheizte rassistische Ethnisierung, die zunehmend ein vertrauensvolles gemeinschaftliches Zusammenleben zerstörte, entlud sich letztlich grauenvoll im Bürgerkrieg und dem Genozid von 1994. Kulturelle Formen wie Werte und Normen wurden ab den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zunehmend nach den nun festgelegten Identitäten Hutu, Twa oder Tutsi und je nach jeweiliger Machtgruppe als gut oder schlecht bewertet. Unzählige Menschen flohen, verließen mit ihren Familien das Land und siedelten in die umliegenden Länder um - viele gingen nach Übersee. 

Nach Beendigung des Genozids ist die ruandische Gesellschaft praktisch aufgelöst. Tausende sind umgebracht, Tausende sind geflohen, Tausende in Gefängnissen, Tausende unter Verdacht und Tausende kommen nach langer Zeit im Ausland zurück und treffen auf eine zerstörte, zu großen Teilen traumatisierte Gesellschaft. Viele, die überlebt haben, egal ob Opfer oder Täter, stehen vor einer zerstörten Vergangenheit. Familientraditionen sind ausgelöscht oder zerissen. Sie sind verstört, wissen nicht, welche Werte noch gültig sind.

Diejenigen, die nach langer Zeit im Exil zurückkehren, vielfach dort geboren, kommen mit Bildern, Erzählungen, Überlieferungen und Wunschträumen nach Ruanda zurück, um endlich wieder zu Hause zu sein, nicht mehr Fremde unter Fremden. Doch sie fühlen sich fremd - wo ist das Gemeinsame, das Verbindende?